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Studie: Risiko für Überschreitung von Klima-Kipp-Punkten steigt bereits mit aktuellem Stand des Klimawandels

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Potsdam - Der Dürresommer 2022 hat die Folgen des Klimawandels stark in den breiten öffentlichen Fokus gerückt. Eine neue Studie eines internationalen Forscherteams bewertet die Risiken, die sich bereits beim aktuellen Stand des Klimawandels im Hinblick auf zentrale Klima-Kipp-Punkte ergeben könnten.

Wenn die globale Temperatur mehr als 1,5 °C über das vorindustrielle Niveau steigt, könnten mehrere Klima-Kipp-Punkte ausgelöst werden. Selbst beim derzeitigen Stand der globalen Erwärmung besteht bereits die Gefahr, dass fünf gefährliche Klima-Kipp-Punkte überschritten werden - und die Risiken steigen mit jedem Zehntelgrad weiterer Erwärmung. Das sind zentrale Ergebnisse einer umfassenden neuen Untersuchung, die im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde.

Klimawandel hat die Erde bereits in die Gefahrenzone von Kipp-Punkten gebracht

Im Jahr 2008 hat der Klimawandel- und Erdsystemwissenschaftler Tim Lenton zusammen mit weiteren Wissenschaftlern ursprünglich neun politisch-relevante Kippelemente und ihre Kipp-Punkte (Climate Tipping Points, CTPs) identifiziert. Ein internationales Forscherteam hat in einer umfassenden Analyse nun mehr als 200, seit 2008 zu der Thematik veröffentlichte Studien analysiert und eine aktuelle Bewertung der wichtigsten Klima-Kipp-Elemente und ihrer potenziellen Kipp-Punkte, einschließlich der relevanten Temperaturschwellen, Zeitskalen und Auswirkungen vorgenommen.

In ihren Forschungsergebnissen, die im Vorfeld der Konferenz "Tipping Points: from climate crisis to positive transformation" an der Universität Exeter (12.-14. September) veröffentlicht werden, kommen die Forscher zu dem Schluss, dass die menschlichen Emissionen die Erde bereits in die Gefahrenzone der Kipp-Punkte gebracht haben.

Fünf der sechzehn Kipp-Punkte könnten bei den durch die globale Erwärmung schon heute erreichten Temperaturen ausgelöst werden: eine Schwächung des grönländischen und des westantarktischen Eisschildes, ein weit verbreitetes abruptes Auftauen der Permafrostböden, der Zusammenbruch der Konvektion in der Labradorsee und das massive Absterben der tropischen Korallenriffe. Vier dieser fünf Ereignisse werden bei einer globalen Erwärmung von 1,5 °C von zunächst nur möglichen zu dann wahrscheinlichen Ereignissen und fünf weitere werden bei einem Erwärmungsniveau von 1,5 °C möglich.

„Die Welt ist bereits von einigen Kipp-Punkten bedroht. Wenn die globalen Temperaturen weiter ansteigen, werden weitere Kipp-Punkte möglich. Die Wahrscheinlichkeit des Überschreitens von Kipp-Punkten kann durch ein rasches Senken der Treibhausgasemissionen verringert werden, und zwar ab sofort", so der Hauptautor David Armstrong McKay vom Stockholm Resilience Centre, der Universität Exeter und der Earth Commission.

Risiko von Klima-Kipp-Punkten eskaliert bei Überschreiten der 1,5 °C-Grenze

Im Sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarates (IPCC), der 2021 veröffentlicht wurde, heißt es noch, dass das Risiko des Auslösens von Klima-Kipp-Punkten bei etwa 2 °C über den vorindustriellen Temperaturen hoch und bei 2,5 bis 4 °C sehr hoch wird. Die jetzt vorgelegte Analyse deutet allerdings darauf hin, dass das Klima auf der Erde bereits einen „sicheren“ Zustand verlassen haben könnte, wenn die Temperaturen eine Erwärmung von etwa 1 °C überschreiten.

Eine Schlussfolgerung der Wissenschaftler aus der Untersuchung ist daher, dass selbst das Ziel des Pariser Abkommens, die Erwärmung auf deutlich unter 2 °C und vorzugsweise 1,5 °C zu begrenzen, nicht ausreicht, um einen gefährlichen Klimawandel vollständig zu vermeiden. Der Bewertung zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit eines Kipp-Punkts bei 1,5 bis 2 °C Erwärmung deutlich an, mit noch höheren Risiken jenseits von 2 °C.

Die Studie liefert aus Sicht der Autoren daher eine starke wissenschaftliche Unterstützung für das Pariser Abkommen und die damit verbundenen Bemühungen, die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, da sie zeigt, dass das Risiko von Kipp-Punkten jenseits dieses Niveaus eskaliert. Um eine 50-prozentige Chance zu haben, 1,5 °C zu erreichen und damit das Risiko von Kipp-Punkten zu begrenzen, müssen die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2030 um die Hälfte reduziert werden, um bis 2050 netto Null zu erreichen.

"Die Welt steuert auf eine globale Erwärmung von 2-3 °C zu. Damit ist die Erde geradewegs auf Kurs, mehrere gefährliche Schwellenwerte zu überschreiten, die für die Menschen auf der ganzen Welt katastrophale Folgen haben würden“, so Johan Rockström, einer der Autoren der Analyse, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Ko-Vorsitzender der Earth Commission. „Unsere neue Arbeit liefert zwingende Beweise dafür, dass die Welt die Dekarbonisierung der Wirtschaft radikal beschleunigen muss, um das Risiko des Überschreitens von Klima-Kipp-Punkten zu begrenzen“, ergänzt Tim Lenton, Direktor des Global Systems Institute an der Universität Exeter und Mitglied der Earth Commission.

© IWR, 2022


09.09.2022

 



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